Die Folgen schlechter Prägung, von Dr. Ines Neuhof

Eine reizarme Aufzucht hat dramatische Auswirkungen auf die Wesensentwicklung des Hundes. Diplompsychologin Ines Neuhof beleuchtet das sogenannte Deprivationssyndrom.

 

Lange mussten Sie suchen, bis Sie endlich auf dem abgeschiedenen Hof des Züchters angekommen sind. Zwischen kaputten Geräten und abgelegen hinter Baumaterial führt Sie der Züchter" in einen Stall, abgedunkelt und mit altem Stroh ausgelegt. In die Ecke drängen sich fünf Welpen. Sie blinzeln, als die Tür geöffnet wird und weichen vor Ihnen zurück. 16 Wochen seien sie zwar schon, dafür wolle man auch nur noch 500 Euro für die reinrassigen Golden Retriever haben. Ihr Verstand setzt aus, Sie wollen am liebsten alle Hunde retten und hier rausholen. Qualvoll ist die Frage, welcher Hund es gut haben soll, aber Sie entscheiden sich für eine kleine, ängstliche Hündin...

Prägung ist lebenswichtig!

Natürlich ist jedem bekannt, wie diese - hier wohlgemerkt erfundene - Geschichte weitergeht. Selbstverständlich ist auch bekannt, dass die Prägungsphase für die Hunde lebensentscheidend ist und sich nachhaltig auf ihre Entwicklung auswirkt. Aber angenommen, Sie hätten jetzt eine kleine, ängstliche Hündin mitgenommen, die außer dem Stall in ihrem bisherigen Leben nichts kennen gelernt hat. Schnell stellen Sie fest, dass die Hündin nicht aufgeschlossen ist, sich in ihrem neuen Zuhause verkriecht und sehr schreckhaft wirkt. Das kennen Sie von anderen Hunden nicht. Ihnen ist bekannt, dass Welpen verspielt sind und freudig auf Menschen zulaufen. Was ist der Unterschied?

Die intensivste Lernphase

Die Prägungsphase erstreckt sich von der 2. bis zur 14./16. Woche, wobei die sensibelste

Phase in der 4. bis 7. Woche, also in jedem Fall beim Züchter, liegt. In dieser Zeit sollen die Hunde intensiven Kontakt zu Menschen aller Altersgruppen haben. Ein guter Züchter lädt bereits jetzt zukünftige Welpenbesitzer ein. Ab der 6. Woche beginnen die Welpen, aufgrund der Entwicklung des Bewegungsapparates, ihr Umfeld zu erkunden. Hier sollen sie Erfahrungen mit unterschiedlichen Untergründen und Geräuschen erwerben, andere Hunde und Haustiere kennen lernen und natürlich immer Familienanbindung und Kontakt zu Menschen haben. In dieser intensiven Lernphase werden neuronale Verbindungen im Gehirn hergestellt und gefestigt, die später nur sehr schwierig gebildet werden können. Unterbleibt diese Verknüpfung, werden die Hunde lebenslang in neuen Situationen ängstlich und unsicher reagieren. Der Hund hat Angst, weil er nichts gelernt hat und lernt auch nichts, wenn er Angst hat. Ein Teufelskreis.

Das Deprivationssyndrom

Die Störungen, die ein Hund entwickelt, der reizarm aufgezogen wird, werden unter dem Begriff Deprivationssyndrom zusammengefasst. Deprivation leitet sich aus dem lateinischen Wort privare = berauben ab und wird bei Menschen als Kaspar-Hauser-Syndrom oder Hospitalismus bezeichnet, wobei das Kaspar-Hauser-Syndrom die schwerste Form des Hospitalismus darstellt. Hierbei handelt es sich um emotionale Vernachlässigung, die bei mangelhafter oder fehlender Zuwendung entsteht und ebenfalls mit schwerwiegenden Verhaltensschäden und im Extremfall mit dem Tod einhergeht.

Vermeidung und Flucht

Ein Hund, der unter einem Deprivationssyndrom leidet, wird zunächst allem Neuen mit Vermeidungsverhalten und Angst begegnen, denn wenn er in seiner Entwicklung nicht gelernt hat, viele verschiedene einströmende Reize zu filtern, kann er mit der Reizüberflutung, also vielen neuen Reizen auf einmal, nicht umgehen. Ängstliche Hunde nehmen eine gekrümmte Körperhaltung ein, wobei der Kopf abgesenkt wird, die Ohren angelegt werden und die Rute eingeklemmt wird, um die Genitalien zu bedecken und Unterwürfigkeit zu signalisieren. Der Hund wendet den Blick oder gar den Körper ab und meidet den direkten Kontakt mit dem Angstauslöser. Es bedarf viel Geduld und Fingerspitzengefühl, den Hund in angstbesetzten Situationen zu führen. Bei starker Angst steigert sich das Vermeidungs- in Fluchtverhalten, der Hund ist dann nicht mehr zu kontrollieren und

reagiert nicht mehr auf Einwirkungen des Besitzers. Unbehandelt oder fehlbehandelt wird der reizdepriviert (reizverarmt) aufgewachsene Hund Phobien entwickeln, also spezifische, starke Ängste vor gut umschriebenen Auslösern wie beispielsweise fremden Menschen (hier meist vor Männern), bestimmten Hundetypen (z.B. vor großen, schwarzen Hunden) oder bestimmten Gegenständen (z.B vor Autos).

Angstbesetzte Situationen

Je nach Lerngeschichte und Temperament können diese Hunde letztendlich mit Aggression auf die angstauslösender Reize reagieren (sogenannte Angstbeißer). Zum einen, wenn der Angstzustand sehr unangenehm erlebt wird und weil sie zum anderen lernen, dass sie den Reiz durch Drohverhalte: auf Abstand halten und so der angstbesetzten Situation entgehen können: Ein Mann kommt auf einen ängstlichen Hund zu, der Vierbeiner knurrt und de Fremde weicht zurück. Der Hund hat verstanden, dass die Angst geringer wird, wenn er knurrt.

Aber auch, wenn der Hund nicht mit Aggression reagiert stellt die massive Angst einen wesentlichen Verlust von Lebensqualität dar - bis hin zur Gesundheitsgefährdung durch ständigen und enormen Stress und den damit verbundenen körperlichen Zuständen. Besonders schwerwiegend stellt sich die Phobie vor Personen dar. Denn Hunde haben als einziges Haustier eine besonders starke Bindung zum Menschen entwickelt und betrachten diesen als Sozialpartner. Erik Zimen beschreibt, dass sein Deutsch Langhaar-Rüde Raas bereits im Alter von acht Wochen menschlichen Kontakt dem Kontakt zu anderen Hunden vorgezogen hat.

Die Anti-Angst-Strategien

Um auf das Beispiel zurückzukommen: Stellen Sie sich vor, Sie hätten die 16 Wochen alte Golden Retriever-Hündin aufgenommen, was könnten Sie für sie tun? Zunächst muss ehrlich gesagt werden, dass die Prognosen auf eine vollständige ?eilung" denkbar schlecht stehen. Joel Dehasse, ein belgischer Verhaltenstierarzt, beschreibt, dass vier von fünf Welpen mit einem Deprivationssyndrom keine ?ormale" Entwicklung durchlaufen werden.

Nimmt man einen solchen Hund auf, wird er zeitlebens nicht wie ein gut geprägter Hund reagieren können. Ein Deprivationssyndrom ist eine intensive und vielschichtige Störung, deren Behandlung einem erfahrenen Verhaltensspezialisten überlassen bleiben sollte. Zum einen hat ein Verhaltensspezialist Erfahrung in der Behandlung eines solchen Syndroms und zum anderen wird er Ihnen Fehler aufzeigen, die Sie selbst an sich nicht feststellen können. Er hat als unbeteiligter Dritter eine andere Sichtweise auf die Hund-Mensch-Interaktion, die Sie als Hundebesitzer nicht haben,

weil Sie ins Geschehen involviert sind. Bereits eine falsche Körperhaltung kann dem Hund Unsicherheit signalisieren, was sich gegenteilig auf die Behandlung des Syndroms auswirken würde!

Langsam desensibilisieren

Mittels bestimmter Techniken aus der Verhaltenstherapie kann man den Hund an angstbesetzte Auslöser heranführen. Bewährt für die Therapie von Angststörungen und Phobien hat sich die systematische Desensibilisierung, die 1958 für die Humantherapie von Wolpe entwickelt wurde. Hierbei werden Angstauslöser zunächst in sehr schwacher Form und später mit zunehmender Intensität dargeboten. Die Idee dabei ist, dass immer dann ein leicht stärkerer Reiz dargeboten wird, wenn sich der Patient bei einem schwächeren Auslöser entspannt hat. Hat ein Patient eine ausgeprägte Phobie vor Spinnen, wird man ihm anfangs nur ein Foto von einer Spinne zeigen, auf die er mit Angst reagieren wird. Das Foto wird so oft dargeboten, bis sich der Patient mittels Entspannungstechniken beruhigt hat und sich gelassen ein Spinnenbild anschauen kann. Der nächsthöhere Reiz wäre z.B., dem Patienten zu sagen, dass sich im Nebenraum eine Spinne in einem Terrarium befindet. Später wird sich das Tier in einem Terrarium im gleichen Raum befinden, bis der Angstpatient es berühren kann. Ein denkbar langwieriger Prozess.

Die Rolle des Menschen

Natürlich unterscheidet sich die Therapie eines Hundes von der des Menschen, aber einige Elemente können übernommen werden. Wichtig ist, zu beachten, dass die kognitive Vermittlung vollkommen entfällt, da sie sich gegenteilig auswirkt: Während bei der Humantherapie der Therapeut verbal beruhigend auf den Patienten einwirken kann, wäre dies bei der Therapie von Hunden genau der falsche Weg. Spricht man tröstend auf den Hund ein, wirkt dies im Moment der Angst bestätigend. Der Hund versteht ja bekanntlich nicht den Inhalt des Satzes und ein gutgemeintes ?u brauchst keine Angst zu haben" in einer mitfühlenden Stimmlage wirkt auf ihn genauso, als würde man sagen: ?ch weiß, das ist alles so schrecklich!"

Die Rolle des Menschen beschränkt sich hier lediglich darauf, selbstsicher und gelassen zu reagieren und richtige Verhaltensweisen im entsprechenden Moment zu loben.

Fremde mit einbeziehen

Übernommen werden kann jedoch die allmähliche Steigerung der Reizintensität. Problematisch sind hier Reize, die von selbst aus dem Umfeld des Hundes verschwinden. Während man vor Mülltonnen oder parkenden Autos so lange verharren kann, bis sich der Hund beruhigt und das Objekt als ungefährlich eingestuft hat, haben Spaziergänger, Radfahrer und fahrende Autos die Eigenschaft, sich wieder zu entfernen. Dies wirkt auf den Hund bestätigend und kommt einer Vermeidung gleich. Vermeidung ist jedoch eine die Angst aufrechterhaltende Bedingung.

Kleine Erfolge lassen sich erzielen, indem man nicht zielstrebig frontal auf fremde Menschen oder Radfahrer zuläuft (Hunde empfinden das als Drohung). Weiterhin sollte man Fremde bitten, den Hund zu ignorieren und insbesondere nicht anzusprechen. Am besten ist es, wenn die fremde Person in einer hockenden Position ein attraktives Futterstück anbietet, dabei aber den Oberkörper abwendet.

Rückschläge einkalkulieren

Halter eines Hundes mit einem Deprivationssyndrom müssen mit Rückschlägen leben können. Nur sehr allmählich wird sich der Hund an Reize gewöhnen. Daher ist ein Leben in einer reizärmeren Umgebung einfacher als beispielsweise im Zentrum einer Stadt. Ebenso ist es vorteilhaft, wenn die Halter von Hunden mit einem Deprivationssyndrom selbstsicher sind und eine klare Struktur vorgeben. Nichts verunsichert einen unsicheren Hund mehr als ein Hundehalter, der selbst verunsichert ist.

Eine begleitende Therapie mit Pheromonen kann für manche Hunde hilfreich sein. Pheromone sind Stoffe, die in den Zitzen der Mutterhündin gebildet werden und die beruhigend auf die Welpen wirken. Es gibt sie als Zerstäuben in Flaschen und als Zerstäuber für die Steckdose. Pheromone müssen jedoch über einen längeren Zeitraum verabreicht werden, sie wirken nicht sofort.

Am besten wäre es natürlich, das Problem im Ursprung an zugehen und Hunde nur in reizangereicherten Umgebungen mit Menschen- und Tierkontakten aufzuziehen. Das Wohlbefinden der Hunde als hochsoziale Lebewesen ist maßgeblich davon abhängig. Glücklicherweise haben viele Züchter das bereits erkannt.

 

Zur Autorin:

Ines Neuhof (Jahrgang 1976) ist Diplom-Psychologin und war fast drei Jahre lang am Max-PlanckInstitut, Abteilung Vergleichende und Entwicklungspsychologie, in Leipzig tätig. Dort schrieb sie ihre Diplomarbeit über die soziale Kognition bei Hunden. Ines Neuhaus lebt mit ihren beiden Mischlings- hündinnen in Leipzig und arbeitet derzeit an ihrer Dissertation zur Thema ?iergestützte Therapie"

 

Der Artikel wurde entnommen aus der Zeitschrift ?er Hund" ?12/2008 ?wir danken für die freundliche Genehmigung, diesen hier wiedergeben zu dürfen.

 


 
 
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